Ernährungsbedingte Erkrankungen von Alpakas

Prof. Dr. Thomas Wittek

Klinik für Wiederkäuer der Veterinärmedizinischen Universität Wien

Obwohl Lamas und Alpakas im Hinblick auf die Fütterung anspruchslose Tiere sind, treten auch bei diesen Tieren fütterungsassoziierte Erkrankungen auf. Im Folgenden werden in der Praxis relativ häufig auftretende und bedeutende fütterungsbedingte Erkrankungen besprochen. Neben den Erkrankungen der Zähne und des Magen-Darm-Traktes selbst wird auf Störungen des Energie-, Protein-, Vitamin- und Mineralstoffwechsels sowie auf Vergiftungen eingegangen.

 

Erkrankungen der Zähne

Zwei Probleme treten gehäuft auf: Das sind erstens überlange (teilweise fehlstehende) Schneidezähne und zweitens Entzündungen der Zahnwurzeln der Backenzähne.

Die Schneidezähne des Unterkiefers treffen normalerweise auf die Kauplatte des Oberkiefers und schließen in einer Ebene mit ihm ab. Überlange Schneidezähne entstehen durch mangelnden Abrieb der Zähne, was durch das angebotene Futter oder bzw. gleichzeitig durch Fehlstellungen der Zähne und der Kiefer hervorgerufen werden kann. Eine weitere, nicht selten auftretende Ursache stellt die Verkürzung des Unter- oder Oberkiefers dar, so dass a priori keine Okklusion zustande kommt. Da überlange Schneidezähne die Nahrungsaufnahme behindern, müssen diese Tiere fortlaufend kontrolliert und die Zähne korrigiert werden. Zum Kürzen der Zähne sind unterschiedliche Verfahren mit verschiedenen technischen Hilfsmitteln beschrieben; die Wahl des Verfahrens hängt vom Tier, dem Ausmaß der notwendigen Zahnkorrektur, aber auch von der Ausstattung und der Erfahrung des Tierarztes ab. Die Zähne dürfen auf keinen Fall durch Abkneifen gekürzt werden, da es dabei zu Längsrissen der Zähne mit Eröffnung der Wurzelhöhle kommen kann. Tiere mit fehlgestellten bzw. verkürzten oder verlängerten Kiefern sollten von der Zucht ausgeschlossen werden, da eine genetische Komponente wahrscheinlich ist.

Vor allem bei älteren Tieren treten Entzündungen der Zahnwurzeln von Backenzähnen auf, die dadurch entstehen, dass Futterbestandteile zwischen Zahn und Schleimhaut ins Zahnfach gelangen und dort die Entzündung hervorrufen. Die klinischen Symptome sind besonders im Anfangsstadium wenig typisch, durch die Entzündung und Schmerzen kauen einige der betroffenen Tiere vermindert bzw. vermehrt einseitig. Bei anderen Tieren tritt jedoch lange Zeit keine Abweichung vom normalen Kauvorgang auf. Später im Verlauf kommt es zur Umfangsvermehrung am Unterkiefer, wobei teilweise auch Eiter aus einer Fistelöffnung an den Unterkieferästen auftritt. In diesen Fällen kommt es zur Osteolyse und teilweise auch zu Frakturen der Unterkieferäste. Mittels klinischer Untersuchung kann die Diagnose bereits mit relativ großer Sicherheit gestellt werden, zur Sicherung der Diagnose und zur Identifikation des betroffenen Zahnes ist eine röntgenologische Untersuchung notwendig. Konservative Therapieversuche (Antibiotika) verlaufen trotz Langzeitanwendung nur in seltenen Fällen mit dauerhaftem Erfolg, daher wird in vielen Fällen eine Zahnextraktion notwendig.

 

Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes

Vor allem bei Verwendung von ungeeignetem (quellfähigem) Futter in Kombination mit hastigem Fressen kann es zu Ösophagusobstipationen kommen, das Abschlucken zu großer, unzerkleinerter Futterbestandteile scheint eine geringere Rolle zu spielen. Die Diagnose kann aus dem Vorbericht und den klinischen Symptomen (Würgen, keine Futter- und Wasseraufnahme, Speichelfluss, Tympanie) bereits mit guter Sicherheit gestellt werden, zur Sicherung der Diagnose wird versucht, eine Maulsonde ins C1 vorzuschieben. Durch wechselseitiges Ein- und Ausspülen von Wasser wird die Obstipation gelöst. Es hat sich bewährt, die Tiere dabei abzulegen; der Kopf wird tiefgelagert, um die Fehlaspiration zu vermeiden.

Die Aufrechterhaltung des physiologischen pH-Wertes (6,2-7,8) im C1 ist sowohl von der Nahrung (Art und Menge der Kohlenhydrate), dem Wiederkauen, der Speichelproduktion (Strukturwirksamkeit des Futters) als auch von der Absorption der Fettsäuren aus dem C1 abhängig. Eine schwerwiegende Störung des Säure-Basen-Haushaltes stellt die akute Azidose des C1 dar, bei der die Tiere große Mengen an schnell fermentierbaren Kohlenhydraten aufgenommen haben, was zur massiven Bildung von Laktat im C1 führt. Diese Erkrankung stellt einen Notfall dar, der sofortige Intervention erfordert. Das verminderte Allgemeinverhalten geht in Abhängigkeit von der Menge der aufgenommenen Kohlenhydrate in Schock/Koma und Tod über. Die Diagnose kann nach Beachtung des Vorberichtes durch die Messung des pH-Wertes des C1, gegebenenfalls auch durch Messung des pH-Wertes des Blutes gestellt werden. Die Therapie beinhaltet die Neutralisation der C1 Azidose und der systemischen metabolischen Azidose als auch die Behandlung der Endotoxineffekte und der bereits aufgetretenen Komplikationen und ist prinzipiell vergleichbar der Therapie beim Wiederkäuer. Besondere Bedeutung hat die bei Neuweltkameliden im Anschluss an C1 Azidosen häufig auftretende Clostridien bedingte Enterotoxämie.

Azidosen im C1 treten auch als chronische subklinische Form auf, die klinischen Anzeichen sind aber viel weniger gravierend. Auch steht nicht die Laktatbildung im Vordergrund.

Alkalosen des C1 durch qualitativ minderwertiges Futter (z.B. sehr minderwertiges Heu, stark verschmutzte Silage) treten unter den guten Futterbedinungen Mitteleuropas sehr selten auf.

Im Vergleich dazu scheint die Häufigkeit von Geschwüren im C1, aber besonders im C3 und im Anfangsteil des Duodenum häufig aufzutreten. In der Diagnostik muss besonders von einer geringen Sensivität der klinischen Untersuchung, aber auch der Labortests ausgegangen werden. Es ist daher wahrscheinlich, dass die Erkrankung unterdiagnostiziert ist. Das Auftreten von Geschwüren ist als Faktorenkrankheit anzusehen. Auslösende Faktoren können z.B. Transporte, Shows, Futterumstellungen, Umgruppierungen, Geburt, besondere Belastungen und Rangordnungskämpfe sein. Mit großer Häufigkeit treten C3-Geschwüre bei den Tieren auf, bei denen die Futteraufnahme aus verschiedenen Gründen gestört ist. Das sind vor allem kranke Tiere und auch Tiere, die stärker von Endoparasiten befallen sind. Die Behandlung erfolgt mit Präparaten, die die Schleimhaut schützen und/oder die Säurebildung in C3 herabsetzen und so die Heilung der Geschwüre begünstigen. In der Wiener Klinik werden diese Maßnahmen bei jedem nicht oder vermindert fressenden Tier angewandt, da wir davon ausgehen, dass diese Tiere bereits Geschwüre haben oder solche entwickeln.

Durchfälle durch Enteritiden sind auch bei den Neuweltkamelen zum überwiegenden Anteil durch virale, bakterielle oder parasitäre Erreger verursacht. Eine verminderte Kotkonsistenz ist immer ein ernst zu nehmendes klinisches Anzeichen. Neben der je nach Ausmaß des Durchfalles zunächst symptomatischen Behandlung ist es angezeigt, entsprechende Diagnostik durchzuführen, um ätiologisch behandeln zu können, bzw. die Gefährdung anderer Tiere zu minimieren. Durch geeignete prophylaktische Maßnahmen sollten besonders sehr schwerwiegend verlaufende Erkrankungen wie Fohlendurchfall oder Clostridienenterotoxämien vermieden werden.

 

Störungen des Energie-, Protein-, Vitamin- und

Mineralstoffwechsels

Falls eine sehr starke negative Bilanz zwischen dem Bedarf und der Aufnahme an Energie und Proteinen besteht, werden die körpereigenen Mechanismen überfordert, es kommt zur überschießenden Fettmobilisation (Fettmobilisationssyndrom). Die in großen Mengen ins Blut übergetretenen Fettsäuren können jedoch nicht vollständig abgebaut werden. Sie werden stattdessen zu Ketokörpern umgewandelt (Ketose) oder wieder reverestert und in die Leber eingelagert (Leberverfettung). Ein Fettmobilisationssyndrom und Ketose treten gehäuft bei hochtragenden und laktierenden tieren auf, wenn dort die Futteraufnahme stark eingeschränkt oder aufgehoben ist. Nach zunächst auftretender Apathie kann ein unbehandeltes Fettmobilisationssyndrom zum Tod des Tieres führen. Die klinische Diagnose wird duch die Bestimmung der Konzentration der Ketokörper, der Fettsäuren oder Neutralfette und die Messung verschiedener Enzymaktivitäten im Blut bestätigt. Die Therapie beinhaltet das Angebot eines schmackhaften und neuweltkamelgeeigneten Futters, muss aber vor allem auf die Beseitigung der Ursachen für die verminderte Futteraufnahme ausgerichtet sein, d.h. eine Therapie der Grundkrankheit muss angestrebt werden. Bei stabilisierter Futteraufnahme reguliert sich der Energiestoffwechsel eigenständig, in sehr schweren Fällen ist eine parenterale Ernährung und medikamentelle Hemmung des überschießenden Fettabbaus notwendig.

In Deutschland und Österreich muss man aufgrund der Versorgungslage davon ausgehen, dass vor allem einige Spurenelemente (Selen) im Mangel vorliegen. Eine sinnvolle Ergänzung des Futters mit Mineralstoffen kann daher unbedingt empfohlen werden. Es ist jedoch zu beachten, dass die meisten Spurenelemente, wenn im Übermaß zugeführt, toxisch wirken können. Eine Futteranalyse und die Bestimmung der Elemente in geeigneten Medien (Blut, Haare) sind zur Einschätzung und Überwachung der Versorgung empfehlenswert.

Kalzium kommt in mehr als ausreichender Menge im Futter vor, so dass es primär zu keinem Mangel kommt. Jedoch ist die Verwertung von Kalzium von Vitamin D abhängig, welches im Winter geringer gebildet wird. Daher kann es im Winter bei wachsenden und laktierenden Tieren zu einem sekundären Kalziummangel kommen. Bei diesen Tieren kann Vitamin D oral oder mittels Injektion zugeführt werden, Überdosierungen vor allem über einen längeren Zeitraum sind jedoch unbedingt zu vermeiden.

Ein sehr weites K : Na Verhältnis (Kalium ist im Grünfutter in starkem Übermaß vorhanden) kann zu einem sekundären Natriummangel führen, was vor allem negative Auswirkungen auf die Fortpflanzung hat. Natriumchlorid sollte als Viehsalz angeboten werden.

Ein Magnesiummangel führt zu krampfartigen Muskelzuckungen in unterschiedlich starker Ausprägung, der sogenannten Weidetetanie. Die Erscheinung tritt besonders bei der Beweidung von magnesiumarmen, aber proteinreichem, frischem Grasaufwuchs im Frühjahr auf, kann aber auch von anderen Faktoren (u.a. Wetter, individuelle Prädisposition, Stress, Abfohlen und Laktation) beeinflusst werden und ist nicht unbedingt an das Frühjahr gebunden.

Die Versorgung mit Spurenelementen ist regional und teilweise auch saisonal sehr verschieden, zudem ist die Situation oft schwierig einzuschätzen, da es mannigfaltige Interaktionen zwischen verschiedenen Spurenelementen gibt. In vielen Gebieten liegt eine Mangelversorgung mit Selen vor, was im Wesentlichen zu Schädigungen der Muskulatur führt. Als typische klinische Erscheinung tritt unmittelbar nach der Geburt Festliegen bei Fohlen auf. An neugeborene Fohlen wird häufig metaphylaktisch ein selenhaltiges Injektionspräparat verabreicht. Die Versorgungslage mit Selen kann durch die Untersuchung von Blut relativ sicher abgeschätzt werden. Selen steht in Form selenhaltiger Mineralstoffmischungen oder als Futtermittelzusatz zur Verfügung. Bei Nutzung von Injektionspräparat ist besonders zu beachten, dass die therapeutische Breite relativ eng ist und es bei wiederholten Injektionen zu Vergiftungen kommen kann.

Ein weiteres, nicht selten auftretendes Problem sind Hautveränderungen, die nach der zusätzlichen Gabe von Zink eine Besserung oder Heilung zeigen (zincresponsivedermatitis). Diese Tiere haben oft, aber nicht in jedem Fall, einen Zinkmangel. An Tiere mit einem Zinkmangel werden 2 g Zinksulfat oder 4 g organisch gebundenes Zink (meist Zinkmethionin) pro Tier und Tag gefüttert. Es ist zu beachten, dass es mehrere Wochen dauert, bevor klinische Effekte auftreten.

Eisenmangel tritt fast ausschließlich beim Jungtier auf, da die Milch sehr eisenarm ist, hingegen feste Nahrung i.d.R. eisenreich ist. Eisen wird zum Aufbau des Blut- und Muskelfarbstoffes benötigt, weiterhin ist es bei immunologischen Prozessen von Bedeutung. Eisen als Injektion ist möglich, jedoch ist die orale Applikation zu bevorzugen.

 

Vergiftungen

Vergiftungen treten nicht allzu häufig auf. Jedoch werden öfter perakute fatale Verläufe anderer Erkrankungen (Clostridienenterotoxämie) fälschlicherweise für Vergiftungen gehalten. Häufig gestaltet sich die Stellung einer Diagnose durch die unspezifischen Symptome nicht einfach. Weiterhin gibt es für eine Vielzahl der Toxine keine spezifischen Gegenmittel, andere Toxine führen zu nichtregenerierbaren Veränderungen in Organen. Vergiftungen können durch Pflanzen oder seltener durch Aufnahme anderer giftiger Substanzen verursacht werden.

Folgende Pflanzen werden relativ häufig bei Vergiftungen gefunden

- Bäume und Büsche: Eibe, Robinie, Rhododendron

- Hecken und Sträucher: Buchsbaum, Japanische Lavendelheide, Kirschlorbeer

- Gräser, Kräuter und Farne: Adlerfarn, Herbstzeitlose, Jakobskreuzkraut, Goldhafer, Johanniskraut

Wie bei anderen Pflanzenfressern hat sich durch die Ausbreitung des Jakobskreuzkrautesauf den Weiden in den letzen Jahren eine zunehmende Gefährdung ergeben. In frischem Zustand werden die Pflanzen ob ihres Geschmacks nicht aufgenommen, in konserviertem Zustand jedoch kommt es zur Aufnahme und zu einer kumulativen lebertoxischen Wirkung. Vergiftungen können nur durch Kontrolle der Wiesen und Weiden sowie der Futtermittel vermieden werden.

Es gibt eine Vielzahl an online verfügbaren Datenbanken zu Giften und Giftpflanzen. Als eine sehr gute sit hier die Datenbank der Universität Zürich zu nennen (http://www.vetpharm.uzh.ch), in der detaillierte Beschreibungen und Abbildungen gelistet sind. In der Praxis ergeben sich auch manchmal Anhaltspunkte von Vergiftungen durch falsche, überdosierte Anwendung von Medikamenten. Hier sollen besonders die Mittel zur Entwurmung genannt werden, die falsch oder unkritisch eingesetzt werden. Aber auch von anderen Medikamenten sind toxische Wirkungen bekannt. In einem kürzlich erschienenen Buch (Emmerich, Ganter, Wittek: Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei kleinen Wiederkäuern und Neuweltkameliden. Schattauer Verlag 2012) ist der gegenwärtige Kenntnisstand zu den Dosierungen und Nebenwirkungen von Medikamenten bei Neuweltkamelen zusammengefasst worden.

 

Informationen zum Autor:

Prof. Dr. Thomas Wittek

Klinik für Wiederkäuer der Veterinärmedizinischen Universität Wien

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Prof. Dr. Thomas Wittek ist Fachtierarzt für Rinder, Innere Medizin, Gynäkologie und Geburtshilfe. Weiterhin ist er Diplomate ECBHM. Er war an den Universitäten Leipzig, Urbana-Champain (Illinois, USA) sowie Glasgow (Schottland) tätig, bevor er 2011 Professor an der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde und dort die Universitätsklinik für Wiederkäuer leitet. Mit Lamas und Alpakas beschäftigt er sich seit ca. 15 Jahren, er ist Autor oder Mitautor einer Reihe von Veröffentlichungen über Neuweltkameliden.

 

Literaturempfehlungen

- Emmerich, Ganter, Wittek

Dosierungsvorschläge für Arzneimittel bei kleinen Wiederkäuern und Neuweltkameliden

Schattauer Verlag 2012, ISBN 978-3-7945-2900-1

-Trah, Wittek

Alpakas und Lamas - Fütterung und fütterungsbedingte Erkrankungen

LAMAS Verlag 2013, ISBN 978-3-931952-13-6

 

Mit freundlicher Genehmigung des Autors Dr. Thomas Wittek, sowie LAMAS

Aus LAMAS, Fachzeitschrift für Haltung und Zucht von Lamas & Alpakas

Heft Winter 2013

21. Jahrgang, Heft 4

ISSN: 0944-9353